El Capitan – The Nose…1000m Strategie?!

Glatte Wände, lange Risse, steile Verschneidungen, wilde Kamine und das alles im Granit. Das Yosemite Valley zählt mit seinen einzigartigen, vom Gletscher geformten Granitmonolithen sicher zu den besten Klettergebieten die unsere Erde zu bieten hat und beheimatet die vielleicht beliebtesten Big Walls überhaupt.

El Capitan, der „Kapitän/Chef“ des Valleys, mit seiner 1000m hohen Südwand sicher der Berg im Nationalpark, der am meisten Augen auf sich zieht und dem der Gletscher über tausende von Jahren einige der bekanntesten Routen geschenkt hat.
1958 wagten es Warren Harding und sein Team das erste Mal Hand anzulegen am Fels, eröffneten in harter Arbeit die erste Route in der Wand, kletterten dabei gleich mitten durchs Gesicht und tauften den Weg durchs Granitmeer „The Nose“.
Immer noch die zentralste Linie am El Capitan entwickelte sich die Nase zunehmend zum Klassiker und ist heute das Hauptziel der meisten Kletterer, die ins Valley kommen.

Nach guten zwei Wochen Abwesenheit begrüßte uns, Christoph Egger und mich, das Yosemite Valley am Sonntag, 04.10.09 erneut, diesmal jedoch nicht mit 95°F wie das letzte Mal, sondern mit einer weißen Glasur auf den Gipfeln.

Zuerst einmal sesshaft werden, d.h. im Valley so viel wie, aufstehen um 4:00 Uhr und vor das Rangerhäuschen im Camp IV sitzen, um dann ca. 3h später vielleicht einen Platz fürs Zelt zu bekommen.
Es regnete zwar wie aus Kübeln, dafür klappte aber wenigstens das mit dem Zelt auf Anhieb und wir konnten am Nachmittag, nach einer Erkundungsrunde bereits im Camp 4 kochen.
Am Abend eines völlig verregneten Tages erreichten am Abend die letzten Kletterer am El Capitan festen Boden unter den Füßen, nur mehr ein paar vereinzelte Portaledgekrieger verweilten in der Wand, aber die Nose war free.

Nach einer langen, feuchten Nacht im viel zu kleinen „$15-Wallmart-1,20mx1,80m-Juniorzelt“ und längerem „Haulbagstopfen“ als gedacht, parkten wir unseren Dodge am Montag Mittag schließlich, am Rande der El Capitan Meadows und machten uns endlich auf den Weg Richtung Wandfuß, im Falle der Nose ja nur ein 15minütiger Spaziergang.
Die positive Stimmung, die sich über die letzten Tage aufgebaut hatte, wurde mit dem ersten Blick in die Wand schlagartig vernichtet…“eins, zwei, drei,vier,…meine Güte sind da schon wieder viele Seilschaften am Werkeln!“

„Nutzt nix, wir probieren unseren Plan durchzuziehen!“
Den Haulbag über das Vorbaugelände rauf gebettelt, fanden wir uns wenig später schon am ersten Stand wieder…leider wartend…es wäre zu schön gewesen.
Für die ersten vier Längen bis zur Sickle Ledge, nicht unbedingt die Schlüsselpassagen der Route, brauchten wir dann, mehr am Stand wartend als kletternd, den restlichen Nachmittag und den Großteil unserer Nerven.
Bereits im Dunkeln wurde der Haulbag auf der Ledge deponiert, drei Seile fixiert und der Schlachtplan für den nächsten Tag ausgeheckt. „Früh aufstehn, dass wir sicher als erster zum Jümarn kommen, alles andere passt dann schon“.
Die Nacht war kurz, der Start brauchte a bissl Überwindung, dafür baumelten auf den anderen drei fixierten Seilen aber Gott sei Dank noch keine Stirnlampen, als wir am nächsten Morgen, mir kam‘s vor wie der gleiche Tag, wieder am Wandfuß standen.
Alles bereits vorbereitet, klickten die Jümar ins Seil und das Werkl begann zu laufen.
Eine sonderbare Ruhe lag im Valley, nichts rührte sich und die erwarteten Lichtkegel am Wandfuß blieben aus.

Während wir auf der Ledge die Seile vorbereiteten, vertrieb die Morgendämmerung langsam die Nacht und setzte für uns den Startschuss in den kommenden Klettertag.
Voll motiviert, als Erste nach dem schlechten Wetter wieder rein starten zu dürfen und froh, die richtige Strategie gefunden zu haben, legten wir los.

Die zahlreichen Rissstunden in den Cracks von Indian Creek, Zion, den Desert Towers, usw. erwiesen sich als gute Vorbereitung und auch wenn immer wieder mal ein Friend zum Ziehen herhalten musste, waren wir trotz der teilweise mühsamen „Haulerei“ recht flott am Weg.
Die Stove Ledge Cracks, teilweise perfekte Handrisse, teilweise nur durch Pendelquerungen zu lösen, nahmen uns auf und führten uns unter den Dolt Tower, welchen wir über weitere Riss- und Verschneidungssysteme am späten Mittag erreichten.

Noch zwei, drei Längen, eine davon ein bisschen „awkward“ und dann die Jardintraverse, die eigentlich ein bisschen Zeitersparnis bringen sollte, uns dann aber mit einer recht knackigen Länge zur Eagle Ledge hinauf überraschte.
Die Kraftreserven begannen zu schwinden, klettern und haulen in Kombination ist einfach kein Honiglecken.
Das letzte Sonnenlicht verließ die Wand, der schöne Oktobernachmittag machte Platz für Abend und Nacht und immer noch trennten uns ein paar Längen von Camp IV, dem heutigen Tagesziel.
Der Haulbag wurde schwerer, die Züge weiter, die Kraft immer weniger und zu allem Überfluss verabschiedete sich noch ein C3 genau in dem Moment, in dem ich die Trittleiter belastete und rasierte über den linken Daumen, dass mir im ersten Moment einfach einmal schlecht wurde. Die Gedanken wieder gesammelt, den Daumen unter die Lupe genommen war eigentlich ohnehin sofort klar: „Geht nimmer gibt’s jetzt eh nit…“.
Knapp unter Seillänge 20, unserem heutigen Biwakplatz, wartete nochmal ein langer, haulktechnisch anspruchsvoller Quergang, bevor ich bereits im Dunklen die letzte Länge zum „poor bivy for two“ unter dem Great Roof hinauf kletterte.
Am nächsten Morgen, der Start war schon nicht mehr so „smooth“ und konsequent wie am Vortag, hingen wir nach einer leichten Länge, noch vor den ersten Sonnenstrahlen, bereits unterm Great Roof, das uns, natürlich in technischer Kletterei, in eindrucksvollerweise an den Fuß der Pancake Flake führte. Ziemlich beeindruckend, der Blick zurück, aber auch der Blick nach vorne veranlasste den Körper, trotz der schweren Arme des Vortages, ein sonderbares Gefühl der Motivation zu entwickeln, das die Pancake Flake zu einer Aneinanderreihung genussvoller Züge werden ließ.
Der Tag nahm seinen Lauf, Zug um Zug arbeiteten wir uns nach oben und versuchten für die unterschiedlichsten Arten von Rissen eine Lösung zu finden. Von so feinen Rissen, dass fast nichts rein geht, bis teilweise so breiten, dass alles rein passt aber nichts hält, war alles dabei.
Manchmal dachte ich mir, das Prädikat „awkward“ wird für den einen oder anderen Crack wohl eher eine Beschönigung sein, als eine Beschreibung die der abweisenden Art der Fortbewegung gerecht wird.

Die Kraftreserven waren nun beinahe erschöpft, der Haulbag wurde immer schwerer und das Gipfelplateau schien nicht näher kommen zu wollen. Irgendwo im Bereich von Camp VI schloss eine kanadische Seilschaft auf, die ohne Haulbag und in einem Tag am Weg war, mittlerweile auch schon seit zwei Uhr in der Früh.
Natürlich wollten sie vorbei und wir wären auch gerne dazu bereit gewesen, aber irgendwie bekam ich von der Vorstellung, nun eine Stunde an einem Stand zu warten, einen derartigen Push, dass die Kanadier, nun auch schon ein bisschen mürbe von ihrem langen Tag, auch ohne haulen nicht mehr schneller waren als wir.
Die Changing Corners warteten, wurden bewältigt und die Welle der Motivation, ausgelöst durch ebenerwähnte Kanadier, trug mich dem Gipfelplateau entgegen, ohne an die mittlerweile fast bodenleeren Arme zu denken.
Zum Abschluss wartete noch eine Bohrhakenleiter, bevor ich nach 31 Seillängen leaden und haulen endlich am Gipfel des El Capitan stehen und wir über eine super Teamleistung und die Begehung der Nose freuen durfte.

Die Strategie hat gepasst, der Plan funktioniert und nach zwei Klettertagen und einer Nacht in der Wand gaben wir uns am Gipfel überglücklich die Hand. Für Christoph und mich war klar, dass das der perfekte Abschluss eines überaus gelungenen USA Rocktrips war.