Rocktrip USA 09

South Lake Tahoe, Tuolumne Meadows, Desert Towers, Indian Creek, Zion, Red Rocks und natürlich das Yosemite Valley, der Westen der USA bietet zweifelsohne eine der größten Auswahlen an unterschiedlichen Gesteinsarten und Klettereien weltweit, verpackt in einzigartige Landschaftsbilder die gegensätzlicher nicht sein könnten.
Von Sequoiawäldern mit über 900 Jahre alten Mammutbäumen zu vegetationsloser Wüste, von 1000m hohen glatten Granitwänden im Yosemite Valley zu "kleinen" Sandsteinformationen wie der Cobra in den Desert Towers, von Großstädten zu meilenweiter Pampa und noch vieles mehr...

Mitte September, die Bergschuhe endgültig in einem Winkel verstaut, das letzte Meeting am Wildspitz mit den Rolling Stones, resultierend aus der zunehmenden Eisschmelze unserer Alpen, überstanden, war endlich Zeit für ein bisschen Rock auf der anderen Seite des Atlantiks.

Der Flieger brachte Christoph Egger und mich am 12. September nach San Francisco, dem Ausgangspunkt unseres Rocktrips quer durch einige der schönsten Klettergebiete der Vereinigten Staaten.


Der Startschuss ist also gefallen, aber wie werden wir den Rocktrip gestalten, welche Klettergebiete wollen wir sehen, welche Routen klettern, wie können wir die vier Wochen die uns zur Verfügung stehen am besten nutzen, um nicht im Yosemite von den Kletterern zertreten zu werden oder in den Desert Towers aus der Wand zu schmieren?

Und vor allem, wie schaffen wir es möglichst wenig Zeit mit Fahren zu verbringen und möglichst viel zu klettern und vom Land zu sehen?

Viele Fragen, die von so vielen Faktoren beeinflusst werden, dass es wahrscheinlich keine Antworten darauf gibt, sondern dass man einfach ein Quäntchen Glück braucht-wie immer, um am Ende des Trips zufrieden die Heimreise antreten zu können.
Der erste und gleichzeitig unser nördlichster Stop, South Lake Tahoe, nicht ewig weit von San Francisco entfernt, war sicher keine schlechte Wahl, um das erste Mal einen Versuch zu starten, die Hände sinnvoll in einem Granitriss unterzubringen.
Nach zwei intensiven Klettertagen und einige Hand-, Finger- u. Faustrisse später waren die Stärken und Schwächen unserer Risskletterkünste ausgelotet, erstere waren ziemlich schnell gefunden und wie aus den Erzählungen anderer europäischer Kletterer bekannt, am Anfang noch nicht sehr zahlreich, aber “…wird schon werden!“
Der Plan, zuerst der Wüste einen Besuch abzustatten und erst am Ende des Trips ins Yosemite Valley zu fahren, wenn die Hände bereits besser in die Risse passen und vielleicht ein bisschen weniger Leute vor dem Rangerhäuschen auf einen Platz im Camp IV warten, war nach dem ersten Small Talk mit einem Local bereits zu nichte.
„It’s much too warm there, try Tuolumne or Yosemite! And bye the way it’s heating up!“

Schnell überzeugt, der wird’s schon wissen, kletterten wir am nächsten Tag bereits am Fairview Dome in den Tuolumne Meadows im östlichen Teil des Yosemite Nationalparks.
Die Landschaft, im Nachhinein betracht, eigentlich viel schöner als im Yosemite Valley und super Linien in perfektem Granit. Am zweiten Tag kletterten wir die „OZ und Gram Traverse“ am Drug Dome. Der Stop auf der Durchfahrt zum Valley war auf jedem Fall ein Erlebnis das nicht fehlen durfte.

Am selben Abend begrüßte uns dann noch das Valley höchstpersönlich, wobei der Gruß eigentlich nicht so freundlich war, da sich der Ranger, der uns um Mitternacht aus dem Schlaf riss, nicht so wie wir dachte, „jaja wird schon nit so tragisch sein, wenn die jetzt da im Auto liegen“, sondern komischer Weise eher auf der unfreundlicheren Seite war.
Die Nacht also ein bisschen holprig, stapften wir am nächsten Tag gegen Mittag, nach einem kurzen Besuch der El Capitan Meadows, trotzdem zum Leaning Tower hinauf, um den fünften und sechsten Klettertag in Folge in Angriff zu nehmen.

Das Westface, zwar teilweise viel zum aiden, aber trotzdem a lässige Sache und sicher eine der steilsten Wände die ich bis jetzt geklettert bin, war sicher kein schlechter Big Wall Einstieg und vor allem nicht ganz so overcrowded wie der El Cap, auch wenn wir am ersten Nachmittag a bissl hinter einer schwedischen Partie steckten.
Am zweiten Tag starteten wir dann vor den Schweden und waren auch recht flott aus der Wand, mit 2 Liter pro Mann und Tag muss man bei 95°F (ca. 35°C) eh schauen, dass man weiter kommt, “…da habn wir uns wohl a bissl verschätzt!“
Nach dieser Tour war für uns klar, bei diesen Temperaturen brauchen wir nicht in eine Route am El Capitan einsteigen, schon gar nicht bei dem Traffic der zurzeit in der Wand herrscht und irgendwo lange anstehen wollen wir eigentlich auch nicht, dafür ist die Zeit einfach zu kurz und wir wollen zu viel sehen, aber Petrus hatte ohnehin etwas anderes mit uns vor.
Ein kurzer Blick auf’s Wetter im Internet zeigte uns, dass es vor kurzem in Utah geregnet hatte und die Temperaturen mit 70°F deutlich kühler waren als hier im Valley.
Zwölf Autostunden später und gute 500 Meilen weiter östlich, Flexibilität muss ausgenützt werden, kletterten wir am nächsten Tag bereits auf die „Three Penguines“ am Eingang zum Arches National Park, nun nicht mehr auf Granit im Wald, sondern auf Sandstein in der Wüste.
Die Temperaturen waren tatsächlich angenehm und die Route „Fine Jade“ auf „The Rectory“, die wir am Folgetag kletterten, ein super Tip eines Locals aus Moab.
Nach einem gemütlicheren Klettertag in den „Fisher Towers“ hieß es dann schon wieder „Goodbye and let’s go Indian Creek“, ein Gebiet auf das ich mich schon lange freute und das mit drei harten Klettertagen auf uns wartete.

Die Parallelität der Risse ließ Rätsel über die Entstehung aufkommen, und die Glattheit Zweifel über deren Kletterbarkeit, aber mittlerweile hatten unsere Hände doch schon den einen oder anderen Riss von innen gesehen und waren zumindest mit einigen Klemmtechniken vertraut.
Zum Abschluss der ersten Einheit, Gewöhnen ans Gerät, versuchte ich mich am Klassiker „Supercrack“, ein perfekt paralleler Faustriss, und konnte ihn zu meiner eigenen Verwunderung auch fast auf Anhieb klettern, aber eben nur fast, da einer der 150 Faustklemmer an einer Stelle an der der Riss kurz ein bisschen breiter ist, leider rausrutschte.
Am nächsten Tag, die Temperaturkurve zeigte schon wieder deutlich nach oben, kletterten wir dann Scarface und einige andere Klassiker, bevor es am dritten und leider schon wieder letzten Tag in Indian Creek noch mal zu den Lightning Bolt Cracks an den North Six Shooters ging.
Mittlerweile unser zwölfter Klettertag am 14. Tag in Amerika, die Finger nur noch an wenigen Stellen von gesunder Haut bedeckt, die Temperaturen wieder bei ca. 95°F im Schatten angelangt und Süd sicher nicht die ideale Exposition für den heutigen Tag, konnte ich den Einstiegsriss, ein genialer Fingercrack, trotz der zweieinhalb Stunden Zustieg in glühender Hitze, tatsächlich auf Anhieb klettern.
Nach ein paar heißen Längen im wahrsten Sinne des Wortes, in denen wir das erstemal richtig froh waren, die Hände in einen kühlen Riss stecken zu dürfen, wartete zum Schluss noch ein Chimney der frei nach dem Motto „squeeze it or leave it“ zu bewältigen war.
Gezeichnet von der Hitze am letzten Indian Creek Tag war das Ziel im Zion Nationalpark bald gefunden, „Shune’s Buttress“, die einzige Tour in unserem Führer, die uns zusagt und fast den ganzen Tag im Schatten liegt.
Die Route zieht über einen markanten Pfeiler des Red Arch Mountain empor, zuerst in Verschneidungen und Kaminen und dann über einen spektakulären, ausgesetzten Finger- und Handriss durch eine glatte Wand auf den Pfeilerkopf.
Nach endlich wieder einem Pausetag ging der Trip weiter Richtung Las Vegas und Red Rocks, einer Gegend, wo die Temperaturen laut Internet wieder ein bisschen kühler sein sollten.
Und tatsächlich kletterten wir einen Tag später bereits in der Sonne die „Levitation 29“ durch die Eagle Wall im Oak Creek Canyon, und genossen die Tatsche, endlich wieder mal ein paar Leisten herknüppeln zu dürfen. „Rissklettern hin oder her, so a gerechte Leiste ist schon auch was Lässiges!“
Auch der Folgetag im Black Velvet Canyon erstaunte uns mit Wandkletterei vom Feinsten und der darauf in Calico Hills bildete einen schönen Abschluss in den Red Rocks, die nun temperaturmäßig schon wieder Wüstencharakter aufwiesen.
Nach einer Nacht in Las Vegas in der wir ein bisschen was gegen die Dehydration tun mussten, wartete unsere letzte lange Autostrecke durchs Death Valley und über Bishop zurück ins Yosemite Valley.
„Der Wetterpoker scheint uns wohl aufgegangen zu sein, nach Patagonien im Februar eigentlich auch nicht ganz unverdient!“, denke ich mir, als wir zu Beginn der vierten Amerikawoche wieder zurück ins Yosemite Valley kommen und eine weiße Glasur von den Gipfelplateaus von El Capitan, Half Dome und Co. herunterlacht. Wir wußten natürlich, dass das Wetter schon morgen wieder besser sein wird.
Das erste Ziel, sesshaft zu werden, das heißt im Valley so viel wie einen Platz im Camp IV zu bekommen, gelang uns nach einmal Aufstehen um vier Uhr Gott sei Dank auf Anhieb.
Dieser Tag war dann noch komplett verregnet, eigentlich unser erster Regentag in Amerika und für uns eine gute Gelegenheit uns ein paar konkrete Gedanken zu unserem nächsten Vorhaben zu machen.
Am Abend erreichten die letzten Kletterer am El Capitan festen Boden unter den Füßen, nur noch ein paar vereinzelte „Portaledgekrieger“ verweilten in der Wand, aber die „Nose“ war free.
Dreißig Stunden nach der Ankunft im Valley, mit dem Ablauf zum Glück schon vom Leaning Tower Besuch vertraut, standen wir am Montag 05.10. zu Mittag dann bereits mit gepacktem Haulbag am Einstieg.
Die vier Seilschaften, die nach dem schlechten Wetter ebenfalls bis zur Sickle Ledge fixierten, konnten wir am Dienstag mit einer frühen Jümarpartie ausschalten und hatten damit tatsächlich die richtige Strategie gefunden, um nach dem schlechten Wetter als erste wieder in die Wand zu kommen.
Nach zwei Klettertagen und einer Nacht in Camp IV unter dem Great Roof zog ich am Mittwochabend nach 31 Längen leaden und haulen den Haulbag am Ende meiner Kräfte über die letzte Länge auf das Gipfelplateau herauf und war froh, dass wir mit einer guten Teamleistung, so wie geplant, mit Sack und nur einmal schlafen durchkamen.
Die Nose, sicher der Höhepunkt unserer Reise, war somit ein perfekter Abschluss nach fast vier Wochen Kletterzeit, und unterstrich noch mal das glückliche Händchen das wir bei einigen Entscheidungen vor allem in Bezug auf Wetter und Temperaturen auf diesem Rocktrip hatten. „…manchmal hat man es eben und manchmal leider nicht.“

Auf die Frage welches Gebiet mir am besten gefallen hat, kann ich keine Antwort finden, aber dass jede Gegend auf ihre eigene Art und Weise auf jeden Fall einen Besuch wert war, bin ich mir nach meinem bisher abwechslungsreichsten Klettertrip auf sicher.